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Die Performer Philipp Karau und Mark Schröppel von SKART, ein Künstlerkollektiv, das 2006 ebenfalls aus dem Gießener Institut für Angewandte Thea- terwissenschaft hervorgegangen ist, schlagen unter dem Aspekt des partizipativen Mit- und Gegeneinander einen auffällig eigenwilligen Weg ein. Sie verschränken auf besondere Weise inhaltliche, ästhetische und strukturelle Innovation und haben in der Spielzeit 2014/2015 in Kollaboration mit Kampnagel Hamburg die schräge Revue „Lucky Strike“ produziert. Das partizipative Forschungsfeld der aktuellen Arbeiten von SKART umfasst vor allem die Suche nach einer gleichberechtigten Zusammenarbeit zwischen Er- wachsenen, Kindern und Jugendlichen. Für die In- szenierung „Lucky Strike“ übersetzen sie zusammen mit Schülerinnen und Schülern der Neuen Schule Hamburg das Märchen vom „Hans im Glück“ in die heutige Konsumwelt. Hans wechselt seine Identität, er wird genauso zum Nihilist, der jegliche Wertvorstellungen hinter sich gelassen hat, wie zum Materialist, der skrupellos allen Verführungen der Warenwelt auskostet und seiner Habsucht frönt. Be- sitzansprüche werden mit Fantastik gepaart, Justin Bieber wird als Pappkamerad das Objekt der Begierde eines der mitspielenden Mädchen, religiöse Myste- rienspiele sind mit politisch grundierten Gewalt- vorstellungen unterlegt, popkulturhaltigem Bild- reichtum und Spielastik von überzeichneten Video- einspielen überhöht, bis am Ende alle in einer End- losschleife auf der Hüpfburg miteinander in der ewigen Wachstumsspirale festhängen, die nur durch eine Spende von Zuschauerseite in den Stillstand hinein manövriert werden kann.

Das Besondere an der trashartigen Collage aus Bild, Aktion, Musik und Video ist, dass Kinder und Erwachsene keine Bühnensynthese entwickeln, son- dern unterschiedliche Vorlieben und Perspektiven auf Inhalt und Ästhetik nebeneinander bestehen bleiben, aufeinander prallen und irritierend schräg erscheinen. In dieser Schräge liegt ein Versprechen: die Bühne als Kommunikationsfläche zu verstehen, die eine undogmatische Form der Auseinandersetzung erlaubt, aus dem Nebeneinander verschiedener kul- tureller Vorlieben ein eigenständiges Werk zu erzeugen, das die herkömmliche Theatergeometrie in eine Art Patchwork-Family umbaut.

Das Konzept der SKART-Künstler reduziert die Kinder und Jugendlichen weder auf Material, noch funktionalisiert es sie zu Bedeutungsträgern für eine übergeordnete inhaltliche Absicht. Die Künstlergruppe fordert die Akteure und Besucher zu neuen Haltungen heraus, indem den Kindern eine eigenständige, kritische Position im ästhetischen Urteilen, inhaltlichem Denken und inszenatorischen Entscheidungen zu- gesprochen wird, die wiederum die Sichtweisen der Erwachsenen unterlaufen dürfen. Der Ansatz von SKART will durch dieses Aufeinanderprallen von Wirklichkeiten eine Suche nach gleichberechtigter Ausdrucksweise betreiben und in der Konsequenz auch Denk- und Geschmackshorizonte erweitern.

Die Vielstimmigkeit der Arbeit ist ein erkennbares Qualitätsmerkmal der Inszenierung und mit etwas Abstand betrachtet stellt sich die Frage nach dem konstitutiven Kern der Gruppe: Sind es die Urheber? Ist es das aktuell arbeitende Ensemble aus Erwachsenen und jungen Menschen? Sind es die Kinder und Ju- gendlichen, die SKART erst zu SKART machen? Im Unterschied zu „Einige von uns“ wird die kol- laborative Praxis in „Lucky Strike“ im szenischen Ergebnis augenfällig und verblüfft in ihrem Mut zur radikalen Brüchigkeit. Ein schrilles und schep- perndes, feinsinniges und unverkrampftes „Wem gehört die Bühne?“ führt hier zu lustvollen Erobe- rungsspielen, die eine ungewöhnliche Ästhetik her- vorbringen. Eine, die keinen Besitzer kennt, keinen Autoren hat, sondern durch die kritische Begegnung nur im Zwischenraum aller Beteiligten zuhause ist.

Eine augenfällige Besonderheit bekommt bei dieser Formation der soziale Akt als künstlerische Praxis. Von Joseph Beuys’Sozialer Plastik aus argumentierend, definieren SKART ihre Position als eine, die mit ihren Antagonisten zu einer selbstkritischen Masse verschmelzen will und auf einer selbstorganisierten, basisdemokratischen Grundlage operiert. Gelingt die Provokation von kollaborativen Spielzügen noch relativ berechenbar in Aktionen, die zwischen den Spielern liegen, stellt die theatrale Bühne ihre eigene Herausforderung an ein kollaborativ agierendes En- semble. Die Darsteller müssen nicht nur ihre Inhalte für Dritte zugänglich machen, sondern auch über den gemeinsamen Weg und dessen Transformation in ein Bühnengeschehen verhandeln, so dass das Hin und Her zwischen Verfahrensweise und Zeige- absicht spannungsreich und spannungsbereichernd ist. Mark Terkessidis formuliert in seiner Abhandlung „Kollaboration“ den Gap, den kollaborative Projekte überwinden müssen, wenn sie die Dimension des Zuschauers berücksichtigen, ohne sich an der „an- geblichen Authentizität der Community“ zu laben.5 Seine Schlussfolgerung macht deutlich, dass sich partizipative Projekte für gewöhnlich nicht im Prozess der Kollaboration erschöpfen, sondern die Schnittstelle zwischen Kunst und Kultur zum Problemfeld haben, das einer „ethische(n) Leitidee bedarf“. Diese fungiert im Prinzip einer kollaborativen Kunst aber „als soziale Praxis, die wiederum als ethische Zielsetzung nicht den Selbstausdruck des Individuums hat, sondern den Ausdruck des jeweils anderen fördert“.
 
(Dr. Mira Sack in INTENSIVIERTE BEZIEHUNGEN Spielarten der Partizipation im deutschen Gegenwartstheater. Drei paradigmatische Beispiele)
 
 

Kritik NDR 90.3

(Elisabeth Burchhardt, Mai 2014)

 

Für Anarchie und Peinlichkeit

Postdramatisch, basisdemokratisch und antipädagogisch: Das Performance-Duo Skart erzählt in "Lucky Strike" das Märchen "Hans im Glück" neu

So empfänglich die acht Schüler der Rahlstedter Neuen Schule Hamburg für antikapitalistische Ideen auch sind, klare Grenzen gibt es doch: "Wenn man sich über Justin Bieber lustig macht, finden manche von denen das überhaupt nicht lustig", haben Philipp Karau und Mark Schröppel vom Performance-Duo "Skart" feststellen müssen. Aber auch Heiligtümer müssen zerstört werden: Eines der Kinder zwischen sieben und dreizehn Jahren wird in "Lucky Strike" seine blutigen Fantasien an dem kanadischen Teenieschwarm ausleben. Der steht als Pappaufsteller auf der Bühne - zusammen mit einem Papp-SUV, einer Louis-Vuitton-Stellwand, einer überdimensionalen Veuve-Cliquot-Flasche und einer Hüpfburg.

In "Lucky Strike" verarbeiten Skart das Märchen von Hans im Glück - als Allegorie der Verweigerungshaltung gegenüber dem Selbstoptimierungsdenken und dem Materialismus. "Lucky Strike" ist die erste Arbeit, die im Rahmen der zweijährigen "Doppelpass"-Kooperation zwischen Skart und Kampnagel entstanden ist.

Deren Ziel ist die Entwicklung eines postdramatischen Kinder- und Jugendtheaterprofils, das aber alle Altersschichten ansprechen soll. Deswegen legte Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard den beiden auch nahe, keinen deutschen Kindermärchentitel zu wählen. "Wir haben ,Hans im Glück' dann in schlechtes Englisch übersetzen wollen", erklären Skart: "Da kam erst ,Lucky John' bei raus, und daraus wurde irgendwie ,Lucky Strike'".

Seit 2006 machen die Theaterwissenschafts-Absolventen der Universität Gießen - und ehemaligen WG-Mitbewohner - unter dem Namen "Schröppel Karau Art Repetition Technologies" politische Anarcho-Performances irgendwo zwischen Dekonstruktion und Knallbonbon. Deren Ästhetik und basisdemokratischer Ansatz, erklären Skart, sei aus der Ablehnung der "gerne mal blöden, affektierten Exzentrik der Gießener Hipster-Off-Community" entstanden: "Ziel unserer Performances ist immer auch, Coolness-Codes zu durchbrechen und die Leute dazu zu animieren, zu ihren Peinlichkeiten zu stehen."

Mit "Der Fischer und sein Mann", einer Gender-Version des Grimm'schen Märchens, haben Skart 2011 am Theater Duisburg zum ersten Mal eine Kinderperformance inszeniert. Im Staatstheater werde Kindertheater oft geringgeschätzt, haben Skart beobachtet, in der Off-Szene aber finde es seit der ,Showcase Beat Le Mot'-Inszenierung vom Räuber Hotzenplotz vor sieben Jahren zunehmend Anerkennung. "Anti-Pädagogik" nennen Skart ihr Konzept, neben der anarchischen Komponente bedeute es, "soziale Interaktion zu reflektieren und bestehende Strukturen zu hinterfragen".

Bei den jungen Teilnehmern ist die Idee eines postdramatischen, basisdemokratischen Theaters allerdings nicht sofort auf Begeisterung gestoßen: "Kinder sind nicht per se kleine Anarchisten", vermuten Skart. "Die waren am Anfang nicht sehr angetan darüber, dass wir mit den üblichen Theaterkonventionen brechen." Auch das Gezanke darum, wer wann wie viel im Mittelpunkt stehen dürfe und wer welche Idee zuerst gehabt habe, sei zunächst noch groß gewesen. Irgendwann aber sei man dann an dem Punkt, an dem sie denken: "Ich bin stolz, wenn meine Idee performt wird, egal von wem."

Schließlich sollen die Kinder entdecken, was für eine kreative Spielwiese der Theaterraum ist, sobald Ego und Ängste erst einmal fallengelassen werden: "Auf der Bühne können sie alles herauslassen, was sie für peinlich halten, aber gerne machen. Oder sie stellen fest, dass ihre Schwächen eigentlich nur Eigenarten sind, die sie auszeichnen und liebenswert machen", erklären Skart. Im Idealfall kämen aus ihren Performances "reflektiertere, tolerantere und selbstbestimmtere Menschen heraus, egal welchen Alters". Wenn angesichts so hehrer Ziele Justin Bieber draufgehen muss, was soll's - ein bisschen Schwund ist immer.

(Hanna Klimpe, taz, Mai 2014)

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