„House of German Angst“ in Gießen

Verletzliche Hautwesen und Zombies

Philipp Karau im Gespräch mit André Mumot

Die Performance-Gruppe SKART lädt am Stadttheater Gießen zu einem Schreckenstrip ein. Ihr Stück heißt „House of German Angst“. Dabei geht es nicht nur um den sorgenvollen Blick der Deutschen in die Zukunft, verspricht der Performer Philipp Karau.

Es ist ein international bekannter Begriff: die „German Angst“, die deutsche Angst. Man sagt uns nach, eine besonders besorgte Nation zu sein. Ist das ein Klischee? Oder tatsächlich so?

Was bedeutet das für ein Theater, das sein Publikum jetzt wieder in geschlossene Räume einladen möchte? Die Performancegruppe SKART nimmt sich nun dieses Themas in einem Doppelpassprojekt mit dem Stadttheater Gießen an. „House of German Angst“ heißt der Abend, der am 16. September Premiere feiert. 

Der Performer Philipp Karau, der die Gruppe zusammen mit seinem Kollegen Mark Schröppel ins Leben gerufen hat, erklärt was die Abkürzung SKART bedeutet: „Schröppel Karau Art Repetition Technologies.“ Ein ironischer Bezug zu großen Firmennamen und zugleich ein Verweis auf das Skart-Kabel, das in technisch komplexen Produktionen natürlich eine große Rolle spielt.

Die Arbeit an ihrem aktuellen Projekt reicht dabei schon eine Weile zurück. „Das Interesse an dem Thema ist schon vor  einigen Jahren entstanden“, wie Karau berichtet, „als noch die sogenannte Flüchtlingskrise von 2015 stark nachwirkte“.

Wert des Zusammenseins

Das Aufkommen populistischer Strömungen, wie die Pegida-Bewegung, habe ebenfalls starken Einfluss gehabt. „Von daher war uns das in der Zeit recht präsent. Wir haben uns dann überlegt: Wie können wir das in einen pointierten Ausgangspunkt bekommen. Da war es naheliegend, als Deutsche, die hier in diesem Land leben, das mit dem Schlagwort ‚German Angst‘ zu verbinden.“

Angst, das hat ihre Recherche ergeben, ist keineswegs auf unser Land beschränkt. Es gebe aber doch etwas Typisches: „Vielleicht ein sorgenvoller Blick in die Zukunft oder in einer gewissen Art Bedenkenträger zu sein.“ In der Coronazeit habe die Angst aber auch ihre positiven und konstruktiven Seiten gezeigt, wie Karau einräumt:

„Ein Stück weit kann man schon wahrnehmen, dass das vielleicht die Solidargemeinschaft gestärkt hat oder man sich in einer gewissen Weise auch für das Miteinander sensibilisiert hat, darauf, auch auf andere Menschen zu achten. In dem Moment, wo man auch ganz bewusst den direkten Kontakt zu anderen meidet, wird einem vermutlich auch der Wert von sozialen Interaktionen und vom Zusammensein noch mal ganz anders klar.“

Subjektiver Blick auf Angst

In der Aufführung erwartet das Publikum eine museale Situation und ein Raum voller Performerinnen und Performer – halb verletzliche Hautwesen in Latexmasken, halb beängstigende Zombies. Die Gruppe habe bald festgestellt, „dass es für uns nicht infrage kommt, diverse Ängste auszustellen, zu verwerten, zu verarbeiten und zu überarbeiten; eben auch Ängste, die jetzt mit Rassismus, mit Überfremdung, mit dem Hass zu tun haben, sondern dass wir einen subjektiven Blick auf das Thema Angst gewählt haben“.

Deutschlandfunk Kultur, September 2020

 


 

Horrortrip im »House of German Angst«

Was ist Angst? Und welches konstruktive Potenzial hat sie? Darum geht es in »House of German Angst«. Die Performance der Gruppe SKART ist an vier Abenden auf der taT-Studiobühne zu sehen.

Angst hat viele Gesichter. Sie kann lähmen und antreiben, kann durch Erlebnisse ausgelöst werden, aber in ihrem Ursprung auch diffus bleiben. Und dann gibt es noch die sprichwörtliche Angst der Deutschen: vor dem Fremden oder der Zukunft im Allgemeinen. Die Performancegruppe SKART spürt dem an vier Abenden in der taT-Studiobühne nach - in der für ihre Arbeit typischen Ästhetik und mit einer am Ende doch eher banalen Erkenntnis, wie man sich aus dem »House of German Angst« befreien kann.

Die Figuren bleiben in ihren farblich an Fleischwurst aus dem Discounter erinnernden Latexanzügen gesichtslos. Augen- und Mundloch, mehr braucht es nicht, um die Schauspieler Paula Schrötter und Pascal Thomas die folgenden 60 Minuten überleben zu lassen - im von Sandra Li Maennel Saavedra gestalteten Bühnenbild mit zwei großen Glaskästen links und einem schwarz-weißen Vorhang hinten. Denn so wie die Performer Janna Pinsker, die fast durchgängig als überdimensionaler Angsthase mit Panzerband an der Rückwand festgeklebt ist, Mark Schröppel, der auf der Suche nach Grenzerfahrungen in einem vakuumierten Würfel nur durch ein Röhrchen Luft bekommt, oder Ossian Hain, der sich als eine Mischung aus gruseligem Strohbär und Riesenbazillus aus einem schwarzen Bällchenbad gleiten lässt, durchleben sie unterschiedliche Formen der Angst: Platzangst, Angst vorm Ersticken, vor Krankheiten, vor dem Alleinsein oder großen Menschenmassen.

Diese Angst kann auch schon mal in hilflose Wut umschlagen, wenn etwa Paula Schrötter auf einen Holzbalken eindrischt. Zuvor hat sie minutenlang in betont ruhigem Singsang erzählt, wie es sich anfühlt, wenn man erwacht und spürt, dass etwas Bedrohliches im Haus ist und immer näher kommt. Da bekommt es auch der Zuschauer ein wenig mit der Angst zu tun, ob es in der Folge mit diesem monotonen, fast gefühllos wirkenden Rezitieren weiter geht. Doch dem ist natürlich nicht so, denn SKART sind bekannt für starke Bilder und überraschende Wendungen und begleiten die Zuschauer durchaus faszinierend auf dem assoziationsreichen Horrortrip, der allerdings greifbare Ängste aus dem Jahr 2020 zu Pandemie, Wirtschaft oder Politik eher außen vor lässt.

Beschwerliche Katharsis

Doch neben den ganz persönlichen Angstszenarien, die zu hämmernden Beats und mit Windmaschine zelebriert werden, geht es natürlich auch um das Stereotyp der in Pandemie-Zeiten gar nicht mehr so typisch deutschen »German Angst«, die sich in Hamsterkäufen ausdrücken kann, aber auch in Unbehagen im Umgang mit Flüchtlingen. Stimmen aus dem Off sprechen Sätze, in denen von für sie irritierenden Begegnungen mit Fremden die Rede ist.

Doch wo Angst ist, braucht es auch eine Lösung. Janna Pinsker schält sich am Ende, in nicht nur für sie quälend langen Minuten, aus ihrem Panzerband-Kokon, der sie wie in einer Kreuzigungsszene fixiert hatte. Zentimeter für Zentimeter löst sie das Band und entkommt ihren Fesseln. Wir müssen uns unserer Angst stellen und uns aus eigener Kraft von ihr lösen.


Gießener Allgemeine Zeitung, September 2020

 

 

Ein Alptraum ohne Schlaf

Theaterperformance der Gruppe Skart widmet sich auf der taT-Studiobühne einem vermeintlich besonders deutschen Gefühl

Die häufigsten deutschen Ängste im Jahr 2020: Trump und seine Folgen, steigende Lebenshaltungskosten, Einbruch der Wirtschaft – in dieser Reihenfolge. Die Angst, an Corona zu erkranken, liegt abgeschlagen auf Platz 17, so trug es eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Langzeitstudie zusammen. Alles eher ein Ausdruck von Reflexion statt von Affekten, ließe sich da folgern. Das „House of German Angst“ hingegen bietet keine Räume für solch konkrete Ängste. Stattdessen versucht das Gießener Theaterkollektiv Skart, mit seiner neuen Produktion zum existenziellen Kern dieses Gefühls durchzudringen. Am Donnerstagabend feierte die assoziative Performance ihre Uraufführung auf der taT-Studiobühne, die Darstellern wie Zuschauern einiges abverlangte.

Die Ängste, die hier verhandelt werden, haben tatsächlich nichts mit Zeitphänomenen wie einem irrlichternden US-Präsidenten, einem sich weltweit verbreitenden Virus oder auch nur einem in den englischen Sprachgebrauch eingegangenen deutschen Phänomen zu tun. Was die beiden Theatermacher Mark Schröppel und Philipp Karau interessiert, sind vielmehr die Tiefenschichten der allgemein menschlichen Psyche, die sie über lose aneinandergereihte Bilder, Klänge und Texte freilegen. Los geht das mit einer Situation, die entfernt an Kafkas in einen Käfer verwandelten Gregor Samsa erinnert. Ein Erzähler (Kind?) liegt nachts im  Bett und lauscht, wie zwei Menschen (Eltern?) die Treppen hinaufsteigen und sich dabei langsam, leise und vorsichtig immer weiter seinem Zimmer nähern. Paula Schrötter spricht diesen Monolog, der detailliert und wie in Zeitlupe physische Körperreaktionen beschreibt, die durch ein  aufsteigendes Bedrohtheitsgefühl ausgelöst werden. Dabei steckt die Schauspielerin in einem fleischfarbenen Ganzkörperanzug, der nicht nur ihr Gesicht zur Fratze macht, sondern auch die Konturen ihrer Gestalt ins Irreale verzerrt.

Ganz ähnlich die Haut, in der Pascal Thomas steckt. Auch hier ein Hinweis auf die Nacktheit und Verletzlichkeit des Fleisches, während der Schauspieler von der sich steigernden Furcht eines bedrohlichen Verfolgers erzählt. Auf der zunächst weitgehend leeren Bühne wirken die beiden Darsteller in ihren grotesken Aufmachungen dabei wie einem Kinoschocker entsprungen. So erzählen sie auf mittelbare Weise von einem das Gehirn beherrschenden Gefühl, das entsteht, wenn man „aus einem Alptraum erwacht und feststellt, dass man gar nicht geschlafen hat“, wie Thomas feststellt.

Doch die Skart-Autoren ziehen die Schraube im Laufe der 60-minütigen Spielzeit sogar noch weiter an. Mark Schröppel selbst steckt über die gesamte Stunde in einer Kiste verborgen fest, die nur sein grotesk verzerrtes Gesicht erkennen lässt. Ein Bild, das an die weiße Maske aus der Horrorfilmreihe „Scream“ erinnert. Und Ossian Hain, von einer Art Fell umhüllt wie ein hilflos tapsiges Tier, lässt irgendwann eine Lawine schwarzer Kugeln aus einer Glasvitrine in den Bühnenraum kippen, die er  anschließend mit einem mächtigen Gebläse zwischen die Publikumsbeine pustet. Emotionen, die in harte, dunkle Bilder übersetzt werden. Ossian präzisiert anschließend in einem weiteren Monolog, was das von solcherlei Symbolik umkreiste Gefühl im Kern ausmacht: „Wir haben Angst davor, uns dem Fremden auszusetzen.“ Womit sich natürlich doch noch ein Bogen zu aktuellen Dramen aller Art schlagen ließe.

Doch Konkretes bleibt in dieser Performance weitgehend außen vor. Erst kurz vor Ende des schaurigen Spiels lassen die Theatermacher eine Toncollage von Band abspielen, in denen verschiedene Menschen wie ein antiker Chor über ihre eigenen Ängste Auskunft geben. Ansonsten setzt dieses neue Skart-Projekt auf verschiedene mehr oder weniger schlüssige Versatzstücke, die Theatergänger schon aus früheren Produktionen kennen. Dunkle elektronische Soundschnipsel, Folien, mit denen Gesichter und Körper entstellt werden, stummes Körperspiel. Eins der eindrücklichsten dieser Bilder gelingt ganz am Ende: Da befreit sich die unter einem riesigen (Angst-)Hasenkopf von den Füßen bis zum Hals mit Gaffer-Tape an die Bühnenrückseite festgeklebte Janna Pinsker unter allergrößten Anstrengungen minutenlang von dem Material, das sie dort so lange festhielt. Wohl lange nicht mehr ist ein Darsteller im Stadttheater  körperlich so gefordert gewesen. Doch immerhin: Das fesselnde Band, die fesselnde Bedrohung kann sie schließlich hinter sich lassen.

Übrigens: Eine Angst ganz anderer Art müssen Besucher vor der Idee haben, Theateraufführungen auch künftig auf lehnenlosen Sitzhockern beiwohnen zu müssen. Mehr als eine Stunde möchte man wahrlich nicht darauf verbringen. Zumindest diese Furcht ließe sich dem Publikum leicht nehmen. Indem es künftig wieder auf Stühlen Platz nehmen darf.

Gießener Anzeiger, September 2020

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